Überschrift Schach

 

 

 

Abb Schachbrett Lager

Im hohen Mittelalter war bereits eine ganze Reihe von Brettspielen bekannt. Das Schachspiel wurde dabei als das edelste und vornehmste Brettspiel betrachtet, basiert es doch ausschließlich auf taktischem Vorgehen und nicht auf dem Zufall. So schreibt schon König Alfonso X. von Kastilien und Leon in seinem, im späten 13. Jahrhundert verfassten, Spielebuch: „Derjenige, der die Verstandestheorie vertrat, legte das Schachbrett mit seinen Figuren vor und zeigte, dass der Spieler, der den meisten Verstand besitzt und es aufmerksam studiert, seinen Gegenspieler besiegen könne.“

Man kann davon ausgehen, dass das Schachspiel vor allem im höhergestellten, ritterlichen Milieu und im Adel gespielt wurde. Denn zum Einen brauchte man für eine Partie Schach viel Zeit, die vor allem in den ritterlichen Schichten vorhanden war, zum anderen benötigte man eine ganze Reihe von unterscheidbaren Spielfiguren, die aufwändig hergestellt werden musste. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass sich ein Bauer ein Schachspiel schlichtweg nicht leisten konnte.

 

Überschrift Schach Sicht

Wie muss man sich nun ein hochmittelalterliches Schachspiel vorstellen? Auch dazu gibt Alfonso X. in seinem Spielebuch eine Reihe von Informationen preis. So zeigt eine Miniatur (Fol. 3r) die Herstellung von Schachbrett und –figuren. Dabei erkennt man, dass die Figuren gedrechselt werden, was auf die Verwendung von Holz, Knochen oder Horn als Material hindeutet.

Bild Schach Spielebuch 2

Tatsächlich lässt sich diese Annahme zumindest für die Spielfiguren durch zahlreiche archäologische Funde bestätigen. Holzfunde sind dabei allerdings eher rar, was vermutlich an der Vergänglichkeit des Werkstoffs Holz liegt. Weitaus häufiger findet man Figuren aus Knochen oder Horn, ebenfalls günstige Materialien, die im Mittelalter überall zur Verfügung standen.
Was die Form der Figuren betrifft, so finden sich im Fundgut überwiegend Figuren des abstrakten arabischen Typs. Diese abstrakte Form lässt sich bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen und war anscheinend das ganze Mittelalter hindurch beliebt, vermutlich auch, da die abstrakten Figuren verhältnismäßig einfach herzustellen waren. Komplexere gegenständliche Figuren, wie die berühmten Lewis Chess Men, scheinen hingegen nur für besonders prunkvoll Spiele hergestellt worden zu sein, sie sind im Fundgut äußerst selten.

Was das Spielbrett betrifft, so ist die Situation deutlich weniger klar. Archäologische Funde von mittelalterlichen Schachspielbrettern gibt es so gut wie keine, so dass die Interpretation von Bildquellen eine wichtige Informationsquelle darstellt. Es sind zwar zwei Schachbrett-Reliquiare bekannt, die in Klöstern die Zeiten überdauert haben und die auf das frühe 14. Jahrhundert datiert werden (Aschaffenburger und Wiener Schachbrett), beide Bretter entstammen aber dem hochadeligen Bereich und sind daher als direkte Vorbilder wenig geeignet. Die Miniatur des oben angeführten Spielebuchs zeigt, dass Schachbretter zumindest im Spanien des späten 13. Jahrhunderts eine zweiseitige Randverzierung aufweisen konnten, die in den Miniaturen jedoch nur sehr vereinfacht dargestellt sind. Die Miniatur zeigt außerdem, dass die Felder des Spielplans Bild Spielbrettmaler Lagersowie die Randverzierungen auf das Brett gemalt wurden. Man kann also davon ausgehen, dass hier analog zur Buchmalerei oder zur Bemalung von Holzdecken oder -statuen gearbeitet wurde.

Über die verwendeten Techniken zur Bemalung wissen wir vor allem durch ein Werkstattbuch bescheid, das im 12. Jahrhundert von einem Mönch namens Theophilus verfasst wurde und heute unter dem Namen „De diversis artibus“ bekannt ist. Zunächst wurde das Werkstück mit einem Kreidegrund versehen, um die Haftung der Farben zu verbessern und deren Leuchtkraft zu erhöhen. Zur eigentlichen Bemalung wurde ein Bindemittel mit einem, meist mineralischen, Pigment verrieben, die so hergestellte Farbe konnte dann aufgestrichen werden und anschließend abbinden. Theophilus nennt in seinem Buch überwiegend wasserlösliche Bindemittel wie Kirschgummi, Gummi Arabicum oder Eikläre, aber auch die Tempera-Technik (Öl-Wasser-Emulsion) war im Mittelalter verbreitet, wie mittelalterliche Malereien zeigen. Neben den mineralischen Pigmenten wurden einige Pigmente künstlich hergestellt, so zum Beispiel Grünspan oder Bleiweiß, aber auch pflanzliche Farbstoffe kamen zum Einsatz.

 

Überschrift Schach Rekonstr

 

 

Nach Sichtung der Quellen entschied ich mich dafür, ein Schachbrett herzustellen, wie es im Haushalt eines freien, ritterlichen Herren existiert haben könnte.

Als Material für Brett und Figuren wählte ich Lindenholz, da Holz als Werkstoff günstig und beliebt war und Lindenholz auch von einem ungeübten Schnitzer (der ich zweifelsfrei bin) gut bearbeitet werden kann.

Das Brett wurde zunächst aus vier dünnen Lindenholzbrettern mit einer Dicke von 1 cm mit Hautleim zusammengeleimt, so dass sichAbb Brettherstellung real eine Gesamtgröße von 35 cm x 40 cm ergab. Für die weitere Gestaltung des Bretts habe ich mich sowohl an den Abbildungen aus dem Spielebuch Alfonsos als auch an einem der wenigen Originalbretter orientiert, dem Aschaffenburger Schachbrett-Reliquiar, das auf etwa 1300 datiert wird. Sowohl das Originalbrett als auch die Abbildung zeigen an zwei gegenüberliegenden Seiten des Bretts eine Zierleiste, die im Originalbrett gleichzeitig als Kasten zur Figurenaufbewahrung diente. Das Aschaffenburger Brett ist ein klappbares Doppelbrett, das auf der Rückseite einen Tric-Trac-Spielplan enthält, zudem ist es aus edelsten Materialien wie Silber, Jaspis, Emaille und Bergkristall gearbeitet und daher vermutlich in den hochadeligen Besitzerkreis einzuordnen. Von daher sollte das Brett nicht als konkrete Vorlage verwendet werden, die Randverzierung zeigt aber, dass die Abbildungen des Spielebuchs durchaus repräsentativ für das späte Hochmittelalter bzw. das frühe Spätmittelalter sind. Da die Randverzierungen in Alfonsos Buch nicht sehr detailliert dargestellt sind, ihr Verwendungszweck aber stark an die Randverzierungen mittelalterlicher Bilderhandschriften erinnert, habe ich eine Randverzierung aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen vom Ende des 12. Jahrhunderts gewählt. Das Blütenmuster von folio 75r habe ich zunächst als Reliefschnitzerei auf zwei dünnen Lindenholzbrettchen angefertigt und diese anschließend in den Brett-Rohling eingesetzt.

 

Abb Aschaffenburg      Abb Relief Einlagen real       Abb Schach Evangeliar 75r

Die Figuren habe ich aus quaderförmigen Lindenholzrohlingen geschnitzt. Als Vorlage diente ein Figurensatz, der in Adelsdorf in Bayern gefunden wurde und in das 8./9. Jahrhundert datiert wird. Es handelt sich daher um arabische Schachfiguren, die auch nach Jahrhunderten noch im christlichen Europa gespielt wurden. Anders als bei den Adelsdorfer Figuren habe ich jedoch die Dame ohne Knopf als Kugelsegment gestaltet, um sie klarer vom König zu differenzieren. Da das Adelsdorf-Spiel keine Bauern enthält, musste ich mich hier an anderen Fundsätzen orientieren. So zeigen viele Spielfigurenfunde einfache, kegelförmige oder zylindrische Bauern (z. B. ein in das 11. Jhd. datierter Spielfigurensatz von der Burg Baldenstein / Gammertingen), die ich entsprechend auch für mein Spiel verwendet habe.

 

Abb Schach Figuren Adelsdorf             Abb Schach Figuren real

 

 

 

 

 

 

Nun folgte der zeitaufwändigste Teil der Arbeit: Die Bemalung von Brett und Figuren. Da die Unterteilung der Parteien in schwarz und weiß im Hochmittelalter noch nicht streng festgelegt war, entschied ich mich zunächst für eine rot-weiß-Gestaltung von Brett und Figuren. Dabei sollte mit Farben gearbeitet werden, die auch im hohen Mittelalter für die Bemalung hätten verwendet werden können; meine Wahl fiel auf die Ei-Tempera-Technik, weil die Herstellung des Bindemittels bei dieser Technik vergleichsweise einfach ist und der Ölanteil der Farbe dafür sorgt, dass die Farbe mit Wasser nicht ganz so schnell wieder angelöst wird. Bei den Pigmenten orientierte ich mich im Wesentlichen am Werkstattbuch von Theophilus, fügte dem Spektrum aber noch die Pigmente Azurit und Malachit, die ebenfalls im Mittelalter bekannt waren, hinzu.

Zunächst wurden Brett und Figuren mit einem Kreidegrund überzogen, der die Farben deutlich besser zur Geltung kommen lässt, alsAbb Schachbrett Bemalung 1 wenn direkt auf Holz gemalt wird. Zudem erhöht er die Haftung der Farben auf der zu bemalenden Oberfläche. Anschließend wurde die Spielfläche mit roten und weißen Feldern versehen, wobei ich für die roten Felder roten Ocker als Pigment verwendete, für die weißen Felder hingegen das moderne Titanweiß, da das im Mittelalter verwendete Bleiweiß sehr giftig ist und ich meiner Gesundheit etwas Gutes tun wollte. Zinnoberrote Felder hätten dem Spielfeld sicherlich einen edleren Charakter verliehen. Doch auch im Mittelalter (genau wie heute) war Zinnober ein teures Pigment, wohingegen roter Ocker günstig zu beziehen war. Für einen einfachen ritterlichen Haushalt erschien mir der rote Ocker daher passender.

Bei der Randverzierung versuchte ich mich farblich möglichst gut an das Original aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen zu halten. Hier wurden nun Abb Schachfiguren Verzierunauch teurere Pigmente verwendet, so z. B. Zinnober für die roten Bereiche, zum Anreiben der Blautöne wurde Azurit verwendet, für Grüntöne Malachit. Gelber Ocker diente schließlich als Grundlage für die Gelbbemalung. Technisch verwendete ich die von Theophilus beschriebene Methode zur ansatzweisen Darstellung von Räumlichkeit: Jede Blüte wurde zunächst in einer Grundfarbe bemalt, anschließend wurden tieferliegende Stellen mit einem dunkleren Farbton versehen (Schattierung), höher liegende Stellen hingegen mit einem helleren Farbton (Akzentuierung), wobei schwache Weiß-Akzente den Abschluss bildeten. Die Figuren erhielten nach der Grundbemalung eine kontrastierende Bordüre, die man als typische Randverzierung in vielen Handschriften des 13. Jahrhunderts findet, so z. B. bei einer Miniatur aus dem Alphonso-Psalter von 1284.

Abb Schachbrett Bemalung 2 Abb Alphonso Psalter  Abb Schachbrett Bemalung 3

 

 

 

 

 

 

 

 

Um Figuren und Brett vor Feuchtigkeit und mechanischem Farbabrieb zu schützen, mussten beide zum Schluss mit einem Schutzfirniss überzogen werden. Ich habe dazu einen Harzfirnis verwendet (Dammarharz in Balsamterpentinöl), der auch in der Ölmalerei häufig als Schutzfirnis verwendet wird. Die Leuchtkraft der Farben kommt durch diesen Abschlussfirnis erst richtig zur Geltung.

Bild Schachbrett Lager 1

 

Damit ist mein erstes großes Spielbrett-Projekt nach mehr als drei Jahren Arbeit beendet. So zufrieden ich selbst mit dem Ergebnis bin, ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt: Beim Verleimen der Lindenholzbretter habe ich leider nicht auf die Faserrichtung des Holzes geachtet, so dass sich das Spielbrett leider leicht gewölbt hat. Die Wölbung ist aber glücklicher Weise so gering, dass mit dem Brett problemlos gespielt werden kann. Ein mittelalterlicher Spielbrettmacher hätte sich einen solchen Fauxpas aber sicher nicht leisten können.

 


 Quellen:

- U. Schädler und R. Calvo: Das Buch der Spiele. LIT-Verlag, 2009.

- A. Kluge-Pinsker: Schachspiel und Trictrac - Zeugnisse mittelalterlicher Spielfreude aus salischer Zeit. Jan Thorbecke Verlag, 1991.

- H. und S. Wichmann: Schach - Ursprung und Wandlung der Spielfigur in zwölf Jahrhunderten. Verlag G. Callwey, 1960.